Lentes para todos – Brillen für alle

Nun habe ich mal wieder Internet hier in Bolivien und da nutze ich meine Zeit um auf meinem Blog ein bisschen zu berichten. Am Anfang hatte ich mir eigentlich das Ziel gesetzt, jede Woche oder wenigstens alle zwei Wochen hier etwas zu schreiben, aber da gibt es zwei Probleme: 1. Ich kann nur einmal im Monat mit meinem Laptop ins Internet und 2. nach einer normalen Arbeitswoche in der Schule gibt es gar nicht soviel spannendes zu berichten.

Aber in den letzten beiden Wochen habe ich in einem anderen Projekt mitgearbeitet, das sich Lentes al Instante oder auch Lentes para todos nennt, übersetzt Brillen ab sofort oder Brillen für alle. Hier in Bolivien sind Brillen sehr teuer und die meisten Menschen können es sich nicht leisten zum Optiker zu gehen, auch weil die meisten Optiker erst in den größeren Städten sind. Selbst wenn die Leute starke Probleme mit den Augen haben, können sie also nicht zum Optiker zu gehen. Mit diesem Projekt (auch initiiert von Hostelling Bolivia, meiner Partnerorganisation) haben wir erst zwei Tage zu Hause in Puerto Quijarro eine Kampagne im Krankenhaus gemacht und im Nachbarort Puerto Suarez. Dann ging es weiter nach Santiagao de Chiquitos, welches ein kleiner Ort westlich von Quijarro ist. Wir haben Kampagnen in verschiedenen kleinen Dörfern gemacht. Dabei ist die Aufgabe von uns Freiwilligen der Sehtest, entweder für Kurzsichtigkeit oder Weitsichtigkeit. Oftmals haben die Leute die zu uns kommen eine Krankheit, dann können wir ihnen leider nicht helfen. Aber es ist auch immer schön zu sehen wenn die Patienten glücklich mit ihrer neuen Brille sind. Für Jugendliche bis 18 Jahren sind die Brillen gratis und für Erwachsene kosten sie umgerechnet 12 Euro. Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht in dem Projekt mitzuarbeiten, auch wenn ich in der Zeit nicht in der Schule arbeiten konnte. Morgen geht es zurück nach Puerto Quijarro und tatsächlich sind dann schon Sommerferien in der Schule. Das heißt, dass ich erst wieder Anfang Februar in der Schule weiterarbeiten werde, wenn die großen Ferien vorbei sind. Aber im Dezember geht der Englisch Unterricht bei der Naval wieder weiter.

Abgesehen von der Arbeit im Projekt haben wir auch viele tolle neue Orte hier kennengelernt. Die Gegend um Robore (so heißt der nächstgrößere Ort in dem wir auch einen Tag Kampagne gemacht haben) ist wunderschön und im Dezember auch sehr gut besucht von Touristen. Hier gibt es zahllose Hotels und Pensionen, die jetzt noch leer stehen. Eine besondere Attraktion sind die Aguas Calientes, Heiße Wasser, die zu den heißesten Thermalwassern Südamerikas zählen. Das ist ein Fluss, der heißes Wasser führt und es ist einfach traumhaft darin zu baden. Es gibt heiße Quellen, aus denen badewannenheißes Wasser nach oben sprudelt und man kann sich einfach dort hineinsetzen und sich schweben lassen. Das ist wirklich besser als Sauna. In Deutschland bezahlen die Leute viel dafür, aber hier ist einfach alles in der Natur. In Kosmetikstudios in Deutschland sieht man oft Leute ein Fußbad nehmen und in dem Wasser befinden sich Fische. Das sind diese Fische, die die Hornhaut von den Füßen abknabbern. In den Aguas calientes sind diese Fische so zahlreich, dass sie die ganze Zeit über an den Füßen knabbern! Ich hab das Gefühl als sehr angenehm emfpunden. Und auch die Vogelvielfalt war atemberaubend, zum Beispiel haben wir Tukane gesehen.

Außerdem haben wir einen tollen Aussichtspunkt und einen Wasserfall besucht, an dem man auch baden gehen kann. Mich erstaunt immer wieder wie vielfältig Bolivien ist. Der Pantanal und der Amazonas im Osten, die Wüsten im Süden des Landes und die Berge um La Paz. Hier gibt es soviel zu sehen und ich kann nur jedem empfehlen einmal dieses wunderschöne Land zu besuchen.

Auch in Quijarro haben wir in den letzten Wochen ein bisschen die Gegend erkundet. Wir sind über die Grenze nach Brasilien gefahren, in die Stadt Corumbá, die direkt um die Ecke ist. Corumbá ist eine schöne Hafenstadt direkt am Pantanal. Sie wirkt etwas verfallen, aber sobald man in Brasilien ist, merkt man sofort den Unterschied zu Bolivien. Natürlich ist Corumbá größer als Puerto Quijarro, aber man erkennt an den Häusern und an weißen Fassaden, dass Brasilien wesentlich wohlhabender ist. Und auch die Mentalität der Menschen ist anders. In Bolivien geht man nicht im Bikini baden, das ist zu freizügig. Die Männer tragen schon eine längere Badehose aber die Frauen haben eine kurze Hose an und ein T-Shirt, wobei sie manchmal den Bikini darunter tragen. Als ich mit meiner Schule einen Ausflug in ein Schwimmbad nach Brasilien gemacht habe, bin ich auch nicht im Bikini ins Wasser gegangen. Alle Mädchen und Frauen hatten lange Sachen an. Ein Nachtteil sehe ich darin, dass man sich mit den langen nassen Sachen schnell eine Erkältung einfangen kann, aber hier ist es ja meistens um die 30 Grad heiß, da geht das natürlich nicht so schnell.

In dem gleichen Schwimmbad war ich einen Monat später nocheinmal mit meinen Mitbewohnerinnen und an dem Tag waren überwiegend Brasilianer dort, in sehr sehr knappen Bikinis. Die Brasilianer bieten einem auch ständig Bier an und man kommt sehr leicht ins Gespräch, obwohl Portugiesisch anders klingt als Spanisch. Man kann schon einige Sachen verstehen, wenn man Spanisch spricht. Spanisch und Portugiesisch ist ein bisschen wie Deutsch und Holländisch, aber ich persönlich finde Spanisch viel schöner.

In Corumbá haben wir eine Bootsfahrt auf dem Pantanal gemacht und auch dabei konnten wir die atemberaubende Natur Boliviens bewundern. Krokodile, viele verschiedene Vogelarten und auch Cabybaras, das sind Riesenbieber.

Am 1. und 2. November war Dia de Muertos, in Deutschland besser bekannt unter Allerheiligen Allerseelen. Auch hier gehen die Leute auf den Friedhof, allerdings ist das hier in Bolivien alles eher wie eine große Feier. Viele Autos parken vor dem cementerio (Friedhof), man kann Essen und Trinken kaufen, Musik läuft und es ist viel los. Auf dem Friedhof verbringen die Verwandten viel Zeit am Grab des Verstorbenen und bringen Opfer dar, wie Früchte, Gemüse und auch Brot. Die Gräber hier sehen anders aus als in Deutschland, sie sind größer und bestehen oft aus weißen Fliesen.

Eine andere Sache über die ich gerne noch etwas schreiben möchte, weil ich vorher überhaupt nichts darüber wusste und weil ich es sehr interessant finde, sind die Mennoniten hier in Bolivien. Ich finde der Begriff Sekte klingt so vorbelastet, aber im Prinzip sind die Mennoniten solch eine Gruppe. Ich habe schon desöfteren hier an den Busbahnhöfen hellhäutige Frauen mit langen altmodischen Kleidern und Hauben gesehen und Männer mit Latzhosen und außergewöhnlichen Hüten und dabei habe ich mich immer gefragt, was das für eine Gruppe sein könnte. Vom Aussehen her musste ich an die Amisch in Nordamerika denken. Jetzt während der Kampagne hatten wir die Möglichkeit uns mit einem Amerikaner zu unterhalten, der schon viele Jahre hier in Bolivien lebt und fließend Deutsch spricht. Er hat uns ein bisschen die Geschichte der Mennoniten erklärt. Sie kommen ursprünglich aus Polen, sind von dort nach Russland und haben dort viele Jahre gelebt. Nachdem die Probleme dort zunahmen, auch aufgrund Verfolgungen im ersten Weltkrieg, sind sie nach Nordamerika und Kanada ausgewandert und später dann nach Südamerika, wobei Paraguay eines der ersten Länder war. In Bolivien sind sie tatsächlich erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie sprechen unter sich Plattdeutsch, aber wir können das nicht verstehen, nur einige Wörter. Polnische und russische Elemente machen die Sprache für uns unverständlich. Spanisch spricht der Großteil der Männer, die Frauen eher seltener,. Sie leben weitestgehend abgeschottet, besitzen keine Autos sondern Trecker. Ein bisschen kann man es mit den Amisch in Nordamerika vergleichen, nur in abgeschwächterer Form.
In den Aguas calientes waren die Frauen komplett mit langen verhüllenden Kleidern baden, mit Haube. Auch die Männer hatten ein T-Shirt an und selbst die ganz kleinen waren in langen Kleidern verhüllt und trugen Haarnetze. Allerdings konnte man schon den Unterschied zwischen traditionellen Familien und moderneren erkennen, zum Beispiel habe ich eine jüngere Familie gesehen, bei denen die Kinder normale T-Shirts anstatt eines langen Kleides beim Baden trugen.
Gestern dann sind wir in die Kolonie der Mennoniten gefahren und haben auch dort eine Brillen Kampagne gemacht. Das ist nicht wie ein Dorf, sondern eher ganz viele Höfe auf eine sehr große Fläche verteilt und weit voneinander entfernt. Alles ist sehr gepflegt, es gibt eine Schule und die Menschen bewegen sich mit Kutschen fort. Man hat sich ein bisschen in ein anderen Jahrhundert versetzt gefühlt, aber es war für mich eine einmalige Erfahrung, denn wann sonst kann man schon mal solch eine Kolonie besuchen und sich mit den Menschen unterhalten. Die übrigens sehr, sehr nett sind.

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Corumbá

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Bootsfahrt auf dem Pantanal

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Ein Cabybara

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Mit einer meiner Klassen in der Schule

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Beim Brillenprojekt – Sehtests

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Kampagne

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Auf einem Aussichtspunkt über dem Dorf, in dem wir mit der Kampagne waren

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Auguas Calientes. heißes Wasser zum Baden

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Aus diesen Quellen sprudelt das heiße Wasser, man kann sich schön rein setzen und der Sand ist wie ein Peeling

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Natur pur!

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Die Fische die an den Füßen knabbern

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Auch hier lässt sich schön baden

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Dia de muertos in Puerto Quijarro: Auf dem Friedhof bringen die Leute Früchte und Blumen und verbringen den Tag am Grab des Verwandten

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In der Kolonie der Mennoniten

Ich bin gespannt auf den nächsten Monat und Weihnachten in Bolivien.
Die liebsten Grüße
Eure Laura

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